Laudatio von Dr. Friedemann Schlender

Dr. Friedemann Schlender
Leiter der Hindi-, Bengali-, Urdu- und Sanskrit-Programme von DW-RADIO

25.10.03

Laudatio für Herrn Ludwig Pesch/Tagore-Kulturpreis 2003 der DIG 

Die Satzung des Tagore-Preises fordert von den Bewerbern „ein hohes künstlerisches Niveau und besonderes Einfühlungsvermögen in die indische Kultur“. Es ist schwer, in festumrissenen herkömmlichen Kategorien Ludwig Peschs Indien-bezogenen Beitrag zu beschreiben, der ihm den Weg in den engsten Kandidaten-Kreis für den Tagore-Preis 2003 ebnete. Ich versuche ein wenig die Bausteine seines Werkes zusammenzufügen. In der Summe wird es jedem selbst überlassen sein, der auf irgendeine Art Ludwig Peschs Beschäftigung mit Indien begegnet, wie er von ihm profitiert: Musiker, Musikwissenschaftler, Projektinitiator, Buchautor, Pädagogen, Sozialarbeiter oder als interkulturellen Web-Master.

Das erste und allem übergeordnete Stichwort ist Musik:  Ludwig Pesch ist ein ausgewiesener Kenner südindischer Musik (carnatic music) im kultur-historischen Kontext. Ausgehend von einem Musikstudium an der Staatlichen Hochschule und am musikwissenschaftlichen Seminar an der Universität Freiburg wandte sich Herr Pesch der indischen, insbesondere der südindischen Musiktradition zu. Was ihn dazu trieb, nach der bestandenen Prüfung für das Künstlerische Lehramt an Gymnasien, also nach dem Staatsexamen, ein Probestudium indischer klassischer Musik aufzunehmen, sollte zumindest heute nicht mehr Ludwig Peschs Geheimnis bleiben. Vielleicht erfahren wir von ihm mehr darüber. Ausschlaggebend für sein Abenteuer „Indische Musik“ war das Beste, was ihm zuteil werden konnte, nämlich ein 5jähriges Studium an dem renommierten Kalakshetra College of Fine Arts in Madras (heute Chennai), das er mit dem Prädikat „First Class“ abschloß.

Der anschließende Unterricht bei dem bekannten Flötenspieler Ramachandra Shastry in der traditionellen indischen Kommunikationsweise der Guru-Shishya-Parampara (Lehrer-Schüler-Tradition), ebnete ihm den Weg in die indische Musik-Praxis. Die musiktheoretische Ausbildung beendete er 1989 mit dem Postgraduate-Diplom an dem Kalakshetra College in Madras. In der Verbindung seiner herausragenden theoretischen Kenntnisse mit der Praxis des Flötenspiels wirkt er gewissermaßen als „Propagandist“ der carnatic music-Tradition, die in Indien allgemein als die originäre Musiktradition der Inder gewertet wird. Ludwig Pesch erhebt nicht den Anspruch, sich als universaler Experte der vielschichtigen indischen Musikszene mit unterschiedlichen Einflüssen zu präsentieren. Er beschränkt sich vielmehr auf einen fest umrissenen Ausschnitt indischer Musiktradition mit ihrer Verbindung zur Philosophie und anderen Ausdrucksformen des Denkens und der Lebensweise der Südinder.

Der Verlag „Oxford University Press“ ist eine Top-Adresse für die Publikationsabsichten von Orientalisten aus aller Welt. 1999 erschien dort Peschs Sachbuch „The Illustrated Companion to South Indian Classical Music“, ein populärwissenschaftlicher Leitfaden für Interessenten südindischer Musik. Sein Verzeichnis der Ragas „The Alphanumerical Directory of Ragas“ erschien bereits in der zweiten erweiterten Auflage. Verschiedene andere Publikationen beschäftigen sich mit den rhythmischen Grundstrukturen der südindischen Musik (tala), die auch als interaktives Lehrmaterial online-Userns zur Verfügung stehen.

Nach dem beschaulichen Leben in Madras, der alten Dame („grand old lady“ so bezeichnen die Inder liebevoll ihre südindische Metropole, eine der vier indischen Großstädte neben Delhi, Kalkutta und Mumbai), tauschte Ludwig Pesch die kosmischen Klänge der carnatic music gegen die Cyber-World. Es war eigentlich kein Tausch. Nun stand vielmehr die Frage: Wie kann ich andere teilhaben lassen, an dem, was ich aus der Jahrtausende alten ungebrochenen Musiktradition Indiens gelernt habe? Wie kann ich  am effektivsten am interkulturellen Dialog teilnehmen? Er eignete sich umfangreiche Kenntnisse in der Multi-Media-Präsentation, der Gestaltung von Webseiten, elektronischen Veröffentlichungen und der Didaktik von interaktivem Online-Studienmaterial an. Mit seinen Websites „www.carnaticstudent.org“  und „www.euronet-nl.users/l_pesch“ gibt er Interessenten einen für Einsteiger überschaubaren und didaktisch gut strukturierten Einblick in die Musik und Künste im südlichen Indien. Das Angebot verzweigt sich dann für Fortgeschrittene und vermittelt Studienhilfen für Musikinteressenten unterschiedlicher Voraussetzungen. Ich glaube, das ist hier eine gute Gelegenheit, für diese Websites etwas zu werben.

Wer einmal die Regeln der indischen Kommunikation, den unersetzbaren Wert der direkten Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, kennengelernt und schätzen gelernt hat, kennt um so mehr die Grenzen der sogenannten modernen Kommunikation mit den gängigen Kommunikationsmitteln E-mail, Internet, SMS und ununterbrochener Verfügbarkeit und Ansprechbarkeit mittels Handy. Ich bin sicher, daß eben diese besondere Erfahrung indischer Kommunikation ausschlaggebend dafür ist, dass er nicht der Verführung unterlag, mit dieser Pionierleistung der interaktiven Kommunikation via Internet sich den neuen Medien unterzuordnen. Für Ludwig Pesch gelten sicher die Regeln des Internets, aber wichtiger als dies ist für ihn der direkte Kontakt zu den Menschen, den er in einer vielfältigen thematischen Breite sucht und erfolgreich herstellt. Sein Bestreben ist es, das Interesse vor allem junger Menschen für die indische Musik zu gewinnen und ihnen die Schwellenangst gegen „fremdartige“ Systeme der Intonation und Tonfolgen zu nehmen. Seine Vorträge und Workshops an Musikhochschulen, Universitäten, Tanzschulen und Kulturzentren richten sich an ein Publikum, das bereit ist, sich mit fremdartigen musikalischen Strukturen zu beschäftigen. Aus diesem Kreis gewinnt er Interessenten, die sich intensiver mit indischer Musik in ihrem kulturellen und philosophischen Kontext beschäftigen. Ludwig Pesch hat so für sich einen Aktionsradius über Deutschland hinaus geschaffen (USA, Niederlande, Italien, Frankreich, England, Dänemark, Schweden, Osterreich, Sri Lanka und natürlich Indien u.a. andere Länder). Er ist gerade noch rechtzeitig aus USA zurückgekehrt, um den Preis entgegennehmen zu können.

Mit seiner Fähigkeit, seine aus seinen musikwissenschaftlichen Studien resultierenden Kenntnisse der europäischen Musiktradition in den zum theoretischen Verständnis notwendigen Vergleich mit der carnatic music-Linie mit einzubeziehen, unterliegt er nicht der Gefahr einer „mystifizierten“ Präsentation indischer Musik, die sich kommerziell in Deutschland durchaus als profitabel erweisen könnte. Wir, die wir Reflexion indischer Kultur in den deutschen Medien und in der deutschen Öffentlichkeit genauer als andere verfolgen, wissen sehr wohl, dass so mancher selbsternannte „Guru“ indischer Musik, Yoga, Ayurveda oder indischer Philosophie als Mittel der Selbstfindung die Empfangsbereitschaft für esoterische Auslegungen sehr wohl zu nutzen weiß und damit dem Indienbild in Deutschland eher schadet als nützt. Ludwig Pesch weiß einfach zuviel über die indische Geschichte, über die indische Philosophie und die kulturhistorischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge indischer Musik, als dass er dieser Gefahr erliegen könnte. Das schließt aber eine tiefe emotionale Bindung an die indische Musik nicht aus. Teilnehmer seiner Workshops sind von seiner Sachkenntnis, seiner Fähigkeit, sich auf das Kenntnisniveau des jeweiligen Teilnehmerkreises stets aufs neue einzustellen, von seiner Ausstrahlungskraft und auch von seiner Bescheidenheit beeindruckt.

Ludwig Peschs Aktionsradius weist eine verblüffende Bandbreite auf: Vorträge, Workshops, online-Angebote, Lehrtätigkeit für Lehrer und Schüler; musikalische Beiträge in psycho-therapeutischen Einrichtungen für behinderte Kinder, für Erwachsene und in der Rehabilitation von Suchtkranken, virtuelle Seminare, Beratertätigkeit für das Goethe-Institut, für verschiedene Museen  in Deutschland und anderen Ländern, Konzerttätigkeit in vielen Ländern, Konzerte in vielen Rundfunk- und Fernsehanstalten Deutschlands, Europas und Asiens. Mit profundem Wissen wird auf diese Weise stets ein wichtiger Ausschnitt der indischen Musiktradition mit einer erstaunlichen Vielfalt der Kommunikationsformen vermittelt.

Ein Sprichwort der Inder in Hindi lautet: Jeevan dene aur lene ki baat hai.- Das Leben begründet sich auf Geben und Nehmen. Ludwig Pesch hat von den Indern viel genommen, indische Musik mit in ihren Jahrtausende alten Traditionen. Er bereichert sein eigenes Leben und das anderer Deutscher und vieler Menschen anderer Länder. Er nimmt, aber er gibt auch zurück. Mit seinen nach wie vor intensiven Beziehungen zu indischen Musikinstitutionen, Vertretern verschiedener gharanas (spezieller Musikstil-Traditionen) und Einrichtungen, die für die Bewahrung von Musiktraditionen arbeiten, setzt er sich für die Dokumentation und Pflege von überlieferten regionalen Ausprägungen der Vokal- und Instrumentalmusik Indiens ein. Ein weiteres Ziel seiner Zusammenarbeit mit indischen Kulturinstitutionen ist die Dokumentation, Sammlung und Präsentation von indischen Instrumenten.

Ludwig Peschs langjährige Arbeit auf diesem Gebiet wurde 1999 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande, des Verdienstordens der Bundesrepublik, gewürdigt. Wir verdanken es der Weitsicht der Bundesregierung, daß sie uns zuvor gekommen ist. Wenn die Deutsch-Indische Gesellschaft Sie heute mit dem Tagore-Kulturpreis 2003 auszeichnet, so tut sie das in voller Kenntnis und Würdigung Ihrer besonderen Verdienste um die kulturelle Annäherung unserer beiden Länder und Ihres hervorragenden Beitrags für die Förderung des Verständnisses für die indische Musik und Kultur in Deutschland.

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